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Steckengeblieben

Dezember 27, 2006

Ich stecke fest. Die Deutsche Bahn lässt mich eine halbe Stunde warten. Das ist ja an sich nichts besonderes mehr, aber bei mir ist das so: nicht – wie sonst üblich – in Nürnberg oder einer anderen derart gestalteten Stadt, wo der Bahnhof groß genug wäre, sich wenigstens mit heftigem Konsum die Langeweilezeit zu vertreiben (das geht ja inzwischen sogar in Vilshofen (Niederbay)!) – Nein! So gut meint es die Deutscha Bahn nicht mit mir. Ich stecke fest in Jena Göschwitz.
Nach einer Umsteigezeit von geradezu und im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden sechs Minuten in Jena „Paradies“ – Kenner schmunzeln – sitze ich nun an der Grenze zu Lobeda fest, welches sich wohl am Besten mit Gabriels Worten beschreiben lässt: „Hey, das ist ne tolle Wohngegend! Nur annähernd 50% Nazis und der Rest sind auch nur Aussiedler, Arbeitslose und Alkoholiker.“ Hmmm….
Difuse Angst überkommt mich und ich weiß gar nicht, weshalb überhaupt.
Schon immer wollte ich einmal einen Film drehen, der in Jena Göschwitz am Bahnhof beginnt und dieses Gefühl darstellt. Danach kann es ja nur besser werden.
Die Plattenbauten um mich herum mögen sich nicht so recht mit der hintergründigen Hügellandschaft verbinden, bilden jedoch mit den vordergründigen unnützen Zuganhängern, frei herumstehenden Holzbrettern und rostig umzäunten, baufälligen Lagerstätten ein harmonisches Ganzes.
Ein Gutes hat diese Situation ja irgendwie doch. Ich werde zurück“geworfen in das Da“ (1), oder auch nur in die Kälte. Mir brennen die Augen, ich friere, mein Unterleib schmerzt ob der kalten Sitzfläche…. es ist verdammt kalt. Kalt und klar. Reduktioniert und industrialistisch. Und alles wird einfach. Alle Sorgen, alle Probleme lassen sich lösen…. Diese unglückliche verliebte Situation, diese unmöglichen Gefühlswallungen.. – all das wird seine Karthasis finden…. sobald ich hier wegkomme.
Das einzig Gute am Bahnhof von Jena Göschwitz: Die Gewissheit von hier wegzukommen? Irgendwann.
Es bleibt kalt. Stimmengewirr verbindet sich mit Fabrikendampf. Ist heute nicht eigentlich ein Feiertag? Es soll hier günstige Wohnungen geben.
„Krchzh. Bitte Vorsicht. Ein Zug fährt durch.“
Eine nette Frauenstimme teilt mir das mit. Die Erste und einzige Person, die hier mit mir spricht. Und das nicht einmal persönlich.
Wenige Züge halten hier. Vor allen Dingen keine „Großen“. ICEs oder InterCitys. Ständig mein Blick auf die Uhr an deren Stellung sich nichts verändern will. Mir ist immer noch kalt – verdammt.
An einem Bahnhofsschalter hatte jemand vor eineinhalb Jahren einmal die gleiche Strecke zu fahren wie ich. München-Weimar. Ob er denn eine günstige und schnelle Verbindung über Jena mit mehrerem Umsteigen wünsche oder doch lieber eine längere ohne viel Umsteigen. Der Mann – zwischen 40 und 50 – beugt sich zur Ticketverkäuferin – so Ende 20 – herunter und spricht beschwörenden Tonfalls: „Wollen Sie denn, dass ich in Jena verrecke?“
Nunja, noch lebe ich ja noch. Wobei auch mir hier schon seltsame Dinge passiert sind.
Vor zwei Jahren hatte ich richtig Schiss in Jena beim Umsteigen. Angst „in des Wortes elementarster Bedeutung“ (2). Es gab noch den alten „Paradies“-Bahnhof – erneutes Schmunzeln bei Kennern – mit behelfsmäßigen Holzbahnsteigen – Schlimmer noch als Göschwitz heute, aber immerhin mit ICE-Anschluss.
Unter den Holzstiegen sah mir aus dem Gebüsch ein Mann in die Augen. Er hatte eine für mich bedrohliche Robbie-Williams-Maske auf und begann seinen beigen Mantel zu öffnen, ohne den Blick von mir zu wenden, die ich an ihm vorbeiging. Schnell bin ich hochgerannt und suchte mir stumm ein älteres Ehepaar, in dessen Nähe ich mich setzen konnte, während ich jeden schwarzhaarigen Mann, der von unten herauf kam, misstraute. Natürlich hätte ich anders reagieren können -vielleicht sollen, aber es ging nicht.
Der Bahnsteig hier füllt sich mit immer mehr Leuten und inzwischen haben sich sogar die Zeiger auf der Uhr endlich mal bewegt. An meinem Hintern jedoch könnte man jetzt Eis gefrieren lassen.
Die Konstruktion des Bahnsteiges hat eine Erhöhung aussen vor gelassen. Der Zug, der einfährt und hoffentlich bald weg, muss vom Boden aus – fast auf Höhe der Gleise – erst noch erklommen werden.
Klamm – das ist wohl noch der beste Ausdruck für den Bahnhof in Jena Göschwitz – und für das Gefühl, das eineN hier bei längerer Wartezeit überkommt. Und ich kann nicht sagen, wie froh ich jetzt bin, da mein Zug endlich einfährt.

(1) Martin Heidegger
(2) Lorenz Engell

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One Comment leave one →
  1. Anonymous permalink
    Januar 3, 2007 5:36 pm

    diese Gefühle kenne ich nur zu gut…. als ehemalige Jena-Weimar-Jena-Pendelerin…vor allem, wenn ich in Göschwitz stand und der Zug schon eine dreiviertel Stunde Verspätung hatte und ich mich auf einmal anfing zu fragen, ob es vielleicht doch nicht schlauer gewesen wäre freiwillig vom West Bahnhof nach Hause zu laufen (es war ein Fussmarsch von ungefähr zwanzig Minuten durch die komplette Stadt bis auf die andere Seite der Saale), leider quälte mich oft der Gedanke (vor allem in der kalten Jahreszeit): Wann ich mir am ehesten schlimmste Erfrierungen zu ziehen könnte (meistens hatte ich in den Moment noch die Hoffnung das der Zug nicht zu spät kam) beim Fussmarsch oder bei den 5 min Warten in Göschwitz auf den Anschlusszug…. nach meinen jetztigen Erfahrungsstand würde ich jeden raten lieber nicht zu Hoffen, sondern so schnell wie möglich zu laufen…

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