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Konsum und Individuum

Januar 17, 2007
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Mit einem Jahr Verspätung fällt mir bei wiederholter Lektüre von Günther Anders die Unmöglichkeit der Aussage meines Professors auf. Abgesehen davon, dass an seinem Lehrstuhl keine Frau vertreten ist, was an dem anderen Managment-Lehrstuhl an unserer Uni wohl möglich ist – Abgesehen davon jedenfalls schafft er es tatsächlich als Aussage hinzustellen:

Der Mensch definiert sein Individuum ausschließlich über den Konsum.


Bei nochmaliger Recherche konnte ich noch folgende Aussagen zur Verdeutlichung finden:

Eine Marke ist ein Zeichen und/oder Name, mit dem in der
Psyche der Konsumenten ein verankertes Vorstellungsbild
verbunden ist


und:

Die Definition von Marken als konsumentenseitig bekannte
Zeichen/Namen setzt zwei Elemente von Marken voraus:
1. die Existenz eines Labels (Name und/oder Zeichen), das dem
Kunden die Identifikation des Produktes ermöglicht
2. das Vorhandensein eines Vorstellungsbildes („meaning“), das
dem Konsumenten erläutert, welche Eigenschaften das
Produkt besitzt und worin es sich von anderen Produkten
unterscheidet
(daraus folgt:) Ein solches Verständnis nimmt keine Beschränkung des
Markenbegriffs auf manifeste Produkte vor!


An und für sich klingt das ja logisch. Mit allem, was wir uns bestücken, mit allem, was nach außen hin zu einer Repräsentation führt, die uns selbst darstellen soll, mit all diesem stehen wir in einem Konsum-Verhältnis. Und mit jedem Konsumgegenstand verbinden wir auch eine Erwartung hinsichtlich dessen, was er über uns aussagt, wenn wir ihn öffentlich zeigen. Die Tatsache, dass selbst Nicht-Markierung eine gewisse Art von „Marke“ darstellt, ist mir auch nicht ganz neu.
Jedoch ist das nun wahrlich zu kurz gegriffen. Vielleicht ist das jetzt auch nur die Ansicht einer unrealistischen Linken ansichtlich der neoliberalen marktwirtschaftlichen Allwissenheit eines Professors. Aber die Tatsache, dass ProfessorInnenkritik nicht angebracht ist, da „die es doch besser wissen müssen; die haben sich ja auch mehr damit beschäftigt“, halte ich sowieso für überholt.
Nun also meine Thesen zu seinen Aussagen.
Wenn der Mensch sich tatsächlich nur über Konsum definieren würde, verkäme er zum absoluten Radar-Typen, der angepasst durch eine Warenwelt läuft, die ihm verschiedene Rollentypen anbietet, in die er je nach Belieben schlüpfen kann. Dass dies für den „postmodernen Menschen“ als anerkannte Definition gilt, macht es nicht besser oder richtiger, wenn diese Kriterien hier überhaupt greifen können. Immer noch existiert der Mensch ja auch noch als absolute Privatperson. Ohne eineN bewertendeN BeobachterIN, an der sich die Privatperson ausrichten kann, wäre sie ja demnach verloren und nicht existent. Sie ist es aber doch, das wird niemand abstreiten wollen. Wie definiert sich nun ein Mensch sich selbst gegenüber? Wenn ein Eigenbild über Konsumgegenstände läuft, so kann es nur zu einer Katastrophe führen, wenn einem/r dann bewusst wird, dass sie oder er ohne diese Gegenstände keine Identität besitze.
Die gefühlte Leere würde überhand nehmen und selbstzerstörerische Maßnahmen wären nicht auszuschließen.
Da kollektiver Selbstmord jetzt nun nicht gerade ein Zeichen unserer Zeit darstellt – jedenfalls nicht aus oben genannten Gründen – muss es ja auch noch eine Selbstdefinition des Menschen außerhalb von Marken und Konsumgegenständen geben.
So vergisst obiger Außspruch vollkommen die Handlungsdimension eines Menschen, vor allem in Extremsituationen. (Wohingegen, und das muss mensch der Radar-Theorie zu Gute halten, diese Dimension von ihr wohl berücksichtigt wird und auch nicht als generell falsch anzusehen ist. Ich weigere mich nur den Ausschließlichkeitscharakter des Konsumzwanges hinzunehmen.) So definiert einen Menschen auch sein jegliches Handeln. Extremsituationen möchte ich als konkretes Beispiel hervorziehen, weil ein unvermitteltes direktes – evtl. gar unreflektiertes – Handeln dort eher auftritt, als in alltäglichen Handlungsdispositiven.
Unkontrolliertes Lachen, Weinen, sämtliche unkontrollierten (unkontrollierbaren) Akte, (vor allem Emotionsäußerungen) zeugen von der Idee eines Menschen, die tief in ihm verwurzelt scheint und abseits von diverser Markenschmückung liegt.
Davon abgesehen, wäre es hier auch einmal angebracht, die Position des Herren im System anzumerken. Ich möchte mich hier nicht für meine schlechte Klausurnote aufgrund kritischer Äußerungen oder so beschweren, jedoch fällt es auf, dass er dadurch ein Weltbild an Studierende vermittelt, welches Selbstbestimmung als Möglichkeit geradezu negiert. Seine Aussage weiter gesponnen und drastisch, wie aber auch konsequent, angewandt, würde dies bedeuten, dass sämtliches Handeln des Menschen durch die Konsumwelt determiniert wird, was ja eigentlich auch nur zu befürworten wäre. Immerhin vereinfacht so etwas das marktstrategische Vorgehen einer Werbefirma.
Determination des eigenen Handelns hinsichtlich wirtschaftlicher Interessen hatte ich schon hier einmal angerissen. Allerdings sollte das sichtbar machen dieser Determination nicht dazu führen, sie als gegeben, gewollt und somit gut anzusehen, sondern sie kritisch zu durchleuchten und wenigstens den Versuch zu starten, sich wieder auf sein eigenes ICH jenseits der Konsumwelt zu besinnen. Lasst uns beim Mindesthaltbarkeitsdatum (und somit beim Essen als lebensnotwendige, wie -erhaltende und somit existenzielle Maßnahme) beginnen!

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4 Kommentare leave one →
  1. Juli permalink
    Januar 17, 2007 4:18 pm

    Die Aussage vom Prof war ja diese:
    „Der Mensch definiert sein Individuum ausschließlich über den Konsum.“

    Was ja tatsächlich offensichtlicher Unsinn ist. Die meisten definieren sich und andere beispielsweise über Geschlechtlichkeit: männlich oder weiblich? Viele definieren sich auch über ihre nationale Zugehörigkeit: sie glauben, wahlweise „Deutschland“ zu sein oder gar gleich Papst. Von einer alleinigen Definition über den Konsum auszugehen, ist da wohl eher schwierig.

    Konsum gilt aber vielen wohl tatsächlich als Form der Selbstbestimmung. Das er das nicht ist, ändert daran erstmal wenig. Auch wenn gesellschaftliche Verhältnisse doof sein können, heißt das ja doch, das sie aber eben doch diese Verhältnisse sind – und nicht das, als was wir sie gerne sehen wollen.

  2. der ekeldude permalink
    Januar 24, 2007 9:47 pm

    Ich glaube nicht, dass das Unsinn ist, da man ja Dinge konsumiert, die „zu einem passen“… Männchen/Weibchen ist keine definierung eines Einzelnen, schon gar nicht die Nationalität, die unterstreicht doch gerade eine Gruppenzugehörigkeit!

    Einzig dein Handeln kann dich absolut einzigartig machen. Deine komische Jeans oder dein third hand Gürtel sind kein Ausdrück eines wirklich frei denkenden Geistes.

    MFG

  3. katharina permalink
    Januar 24, 2007 9:54 pm

    vielleicht hast du mich da falsch verstanden:

    Natürlich macht mein komisches Zeug kein Individuum aus mir. Das ist mir allerdings klar.

    Und „Gruppenzugehörigkeiten“, wie du die gesellschaftlichen Konstrukte nennst… da denke ich, sollte mensch weitestgehend versuchen, sie zu überwinden.

    aber was ist nun eigentlich deine aussage, wenn du einerseits sagst: „ich glaube nicht, dass das Unsinn ist“ und andererseits „Einzig dein Handeln kann dich absolut einzigartig machen.“ hm?

  4. der ekeldude permalink
    Januar 25, 2007 7:06 pm

    Bei meinem Statement bezog ich mich auf die Aussage aus dem juli und Betreff der Aussage des Professors.

    Meine Aussage bleibt, dass man nur durch Handlungen ein Individuum kreieren kann!

    MFG

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