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„Soziale Brennpunktstudien“ mal anders

Mai 5, 2007

Was passieren kann, wenn sich eine entindividualisierte Gesellschaft
nach Nähe sehnt.

Alle leben schweigsam nebeneinander her. Sie sehen sich vor Scham nicht direkt an, weil sie „es nicht geschafft haben“. Es nicht geschafft haben, von hier weg zu kommen; aus ihrem Leben etwas Besseres zu machen. Natürlich Plattenbau. Natürlich der ehemalige Osten. Und natürlich: Ein Zaun. Aber abgesehen von den sich geradezu aufzwingenden Bildern kann man sich auch an das vorliegende halten.
Im Zuschauerraum ist es unbequem. Es scheint als wären die Stühle viel zu weit nach vorne geschoben, denn es ist nicht viel, vielleicht nicht genügend Platz zwischen Publikum und Schauspielern. Wenn Johan (Max Simonischek) Alex (Sebastian Kaufmane) und mit ihm auch dich erst etwas unsicher und verhalten, dann immer ruhiger und damit autoritärer für seine Zwecke instrumentalisiert, fehlen Ausweichmöglichkeiten. Es ist gedrängt, eng, heiß. Der Raum durchzogen von einem Stoff, der Beton nachahmen soll. Links ein überdimensionaler Schimmelpilz, rechts ein Aquarium, ein paar Klingelschilder, Postkästen, eine Bank.
Das wars. Annette Riedel hat das Bühnenbild spartanisch eingerichtet, und versucht, das Publikum dadurch mit einzubeziehen, was durch das präsentierende Spiel leider nicht durchweg funktioniert. Es reicht eben manchmal nicht, die Zuschauer ab und zu anzublicken, ohne einen konkreten oder wenigstens abstrakten Bezug zu ihnen herzustellen.
Von Sand ist da die Rede; trockenem, heißem Sand. Und Rike (Anika Baumann) vermittelt sehr plastisch, wie dieser heiße Sand ungreifbar wird und durch alles hindurchrieselt. Aus trockenem Sand ist nichts mehr aufzubauen. Er wird nicht fest ohne Flüssigkeit. Doch die lässt nicht lange auf sich warten. Der Schweiß rinnt in diesem Stück nur so. Es wird geschwitzt und dadurch kann etwas Neues entstehen. „Wir bauen einen Zaun!“ Der Traum eines Intellektuellen, der es sich anmaßt, für sein Viertel, auch für die so genannten kleinen Leute, mitzudenken, soll realisiert werden. Aus unterschiedlichen Beweggründen finden sich so Johan, ein mittel- und inzwischen auch arbeitsloser Student, Alex – von der Einöde erdrückt -, Anita (Ursula Werner), die Verkäuferin des ansässigen Edeka, Günther (Ulrich Anschütz),
Kriegsveteran mit eigener Kneipe und irgendwo auch Rike, die diesen Ort eigentlich schon vor langer Zeit verlassen hat zusammen. Viele Unterschiede, eine Verbindung: In der Welt, in der sie leben, scheint es keine Menschlichkeit, keine Nähe zu geben.

Aller sozialen Leistungen sind standardisiert, was Individualität, Eigenart und auch Leidenschaft nicht zulässt. Der Zaun gibt ihnen die Möglichkeit einer Leidenschaft. Sie haben endlich ein Ziel und während sie darauf hinarbeiten finden sie auch auf die eine oder andere Weise zueinander. Wobei die Nähe mitunter seltsame Wege findet. So prügeln sich Johan und Alex in ihrer emotionalsten Phase, während Rike wenig später „Du musst mich küssen, damit ich bei dir bleibe!“ fleht. Gewalt und Zärtlichkeit hängen hier eng zusammen.
Thomas Freyer als Autor und Tilmann Köhler als Regisseur versuchen hier eine Möglichkeit aufzuzeigen, die aus einem System herauszuführen, ohne zu zeigen, ob es überhaupt etwas bringt sich zu bewegen. Aber sie zeigen, dass Bewegung wichtig ist, damit man „keine Landschaft wird.“ Kein Wüste, heiß und aus rieselndem Sand.
Sie zeigen, dass Ziele Perspektive liefern und somit einer egalitären Haltung („Du kannst etwas tun, du kannst es bleiben lassen.“) wie der von Alex entgegentreten kann. Und dass so ein Ziel dich zu einem anderen Menschen machen kann. Besser oder schlechter ist hier nicht die Frage: anders. Und dadurch hast du „es“ auch fast geschafft.

Ein Beitrag von mir zum Wettbewerb „Theaterkritik“ der taz.
Die Gewinnerinnenkritik könnt ihr hier lesen.

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