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Autobahnen gehen super!

April 2, 2008

Ein Artikel von mir, der für das fzs-magazin eingereicht wurde.

 

Es gab auch gute Sachen in der Zeit des Nationalsozialismus.“

-> Daniel Gaede; pädagogischer Leiter der Gedenkstätte des KZ Buchenwald nahe Weimar

Wer erinnert sich nicht mehr an die unsägliche Debatte um Eva Hermann und was eigentlich über den Nationalsozialismus gesagt werden darf und was nicht. Eine total empörte und affektiert artikulierende, aber anderweitig in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Margarethe Schreinemakers ließ sich damals zu dem Spruch hinreißen: „Autobahnen gehen gar nicht.“ Ich allerdings sage: „Autobahnen gehen super!“. Sie sind nämlich ein hervorragendes Beispiel dafür, wie unreflektiert von allen Seiten die Diskussion geführt wird.

Natürlich ist es etwas zu kurz gedacht, wenn Eva Hermann sagt: „Aber die haben doch auch Autobahnen gebaut und wir fahren heute darauf!“ oder auch (sinngemäß) „Das Mutterbild im Nationalsozialismus war nicht das Schlechteste“1, aber eine schlichte Nicht-Auseinandersetzung und unreflektierte Verurteilung der Aussprüche, wie es daraufhin Frau Schreinemakers oder auch beinahe die gesamte deutschsprachige Medienlandschaft vollzog, hilft für die Zukunft auch nicht weiter. Vor allem Jugendliche, die den ganzen theoretischen Überbau nicht kennen, können so nie wirklich die Lehren aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts ziehen, wie es die heute 40-60jährigen tun konnten. Und damit wird auch die Demokratie wiederum anfälliger für ein erneutes Aufkommen von rassistischem, faschistischem und menschenverachtendem Gedankengut.

Nicht umsonst habe ich den Ausspruch von Daniel Gaede über meinen Artikel gesetzt. Denn er hat noch etwas wichtiges hinzugefügt. „Für die Mehrheit der Bevölkerung war die faschistische Ausrichtung des Regimes gar nicht en detail zu fassen. Sie stellten lediglich für sich persönlich die positiven Auswirkungen fest. Dass dies anderen, also JüdInnen und später allen KriegsteilnehmerInnen geschadet hat, war ihnen erst einmal nicht bewusst. Wenn es nicht so gewesen wäre, wäre das Regime gar nicht so etabliert gewesen, geschweige denn, dass es sich so lange hätte halten können.“ Es gab also durchaus Vorteile für eine bestimmte – an unsäglichen biologistischen und verurteilungswürdigen Kriterien aussortierte – Gesellschaftsschicht, die von Maßnahmen, die die NS-Diktatur getroffen hat, auch profitierte.

Abgesehen, dass dieser Fakt in der ganzen betroffenen Dämonisierungsrhethorik vergessen wird, liegt das Problem hier auch schon in der Rhethorik selbst. Wenn nämlich nicht endlich auch in die Diskussion mit einbezogen wird, dass es sich um ganz normale gesamtgesellschaftliche Mechanismen handelt, die wir in ihrer Gänze noch lange nicht überwunden haben, kann auch das moderne rechtsradikale Gedankengut nur halbherzig bekämpft werden. Natürlich ist dies ein ewiggestriges, aber ewiggestriges kommt auch in anderen Diskussionen vor. Vor ewiggestrigem sind wir noch lange nicht gefeit. Faschistische Strukturen können auch heute noch greifen2. Sie sind verführerisch, weil sie in einfachen Mustern angesichts einer komplexen Welt funktionieren. Sie bleiben es jedoch nur, solange sie für eineN persönlich Vorteile bringen oder, bis klar ist, dass jedeR irgendwann zu den VerliererInnen gehört.

Ganz klar muss hier gesehen werden, dass es sich in der rechtsextremen Denkwelt um Ausgrenzungsmechanismen handelt. Diese und jene Menschen, Sachverhalte, Theorien müssen missachtet, negiert, verboten oder gar ausgerottet werden, damit eine Gesellschaft entstehen kann, in der es „allen“ gut geht. „Alle“ sind hier eine dezidiert aussortierte Gruppe. Und die Ausgrenzung wird auch at ultimo fortgesetzt. Bis nur noch sich selbst bekriegende Einzelpersonen übrig sind. Gewonnen hat damit niemand. Am Ende des zweiten Weltkrieges gab es menschlich gesehen nur noch VerliererInnen.

Und genau an diesem Punkt finden wir auch zurück zu den Autobahnen. Wenn Frau Schreinemakers nämlich in dem Moment gesagt hätte: „Klar, aber die Autobahnen dienten damals einem menschenvernichtenden, kriegsbeförderndem Zweck und das kann ich und sollte unsere Gesellschaft nicht für gut heißen.“, hätten Eva Hermann und auch Reinhold Beckmann dies vielleicht nicht gleich verstanden. Ebensowenig wie die große Mehrheit des Publikums, die vorwiegend schlichtweg zum Zwecke der Unterhaltung sich solche Sendungen zu Gemüte führt. Hier jedoch setzt die große Aufgabe der DemokratInnen an. Bildungsarbeit in diesem Gebiet ist essentiell notwendig. Warum ist Menschenverachtung schlecht? Warum ist Krieg schlecht? – Weil es die Verantwortung eines jeden Menschen ist füreinander einzustehen. Und – ganz egoistisch, wie es die zur Zeit so gern gesehen wird – weil es jederzeit auch dich treffen kann. Weil alle Menschen unterschiedlich sind. Und die Ausgrenzung somit nie endet. Weil es Unschuldige trifft. Kinder, gar Säuglinge, die für nichts, aber auch gar nichts verantwortlich gemacht werden können und dennoch in Kriegen sterben, weil ein übertriebenes Machtempfinden von – meistens – Männern dafür sorgt, dass diese sich in ihren Anzügen zurücklehnen und von Menschen nur noch als „Humankapital“ reden. Wenn wir das den heutigen wie zukünftigen Kindern und Jugendlichen, aber auch den „abgeklärten“ Erwachsenen vermitteln können, wären wir schon einen großen Schritt weiter, faschistische Gesellschaftmodelle in ihrer Wurzel unfruchtbar und damit unmöglich zu machen.

Die Dämonisierung des Nationalsozialismus und speziell der Person Hitler ist nach psychologischen Mustern auch nur die umgedrehte Vergötterung derselben. Dem muss ein fröhliches: „Hitler war auch Kacken.“ entgegen gehalten werden. Oder eben ein reflektiertes: „Es gab auch gute Zeiten am Nationalsozialismus; aber nicht für alle. Und das war das Problem.“ Sonst werden wir als Gesellschaft nie begreifen, was eigentlich so schlimm ist an diesen Nazis.

1Wofür sie übrigens heute noch auf rechtsextremen Frauenseiten lobend erwähnt wird.

2Dahingehend dann doch tatsächlich sehenswert: Die Welle. Und noch vielmehr: lesenswert.

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