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Es gibt keine Homosexualität II

Mai 27, 2008

Besser spät als nie:

Hier mein Skript zum Lesen und weiterverbreiten und bearbeiten und alles bitte nicht-kommerziell. (und mitteilen, wenn ihr das macht. und Namen nennen.)

Have Fun.

Es gibt keine Homosexualität!

Homophobie und gemachte Geschlechter

Vortrag am 17.05.2008 -> Aktionstag gegen Homophobie -> Gerber III

Bevor ich mit meinem Vortrag anfange, möchte ich euch ermuntern, dass ihr Fragen stellt, sobald Unklarheiten auftauchen. Im eigenen Theoriesud werden manche Sachen einfach nicht mehr als fremd erkannt.

Gendertheorie und Queer-Theorie – Feminismus, Postfeminismus – Neue Männlichkeit, Metrosexualität (aber bitte nur bei Männern) – alles Schlagworte, die durch die Gegend geistern. Alle haben auch irgendwie etwas miteinander zu tun, nur was?

-> Nachfrage: Der Unterschied zwischen Sex & Gender klar?

Im Großen und Ganzen sind 3 Geschlechterkategorien bekannt, die sich einer unrühmlichen biologischen Definition unterordnen: Mann, Frau und „Intersexuelle“. Derweil ist längst bekannt, dass die Binnendifferenzen – also die Differenzen zwischen Frau und Frau bzw. Mann und Mann, also schlichtweg zwischen Mensch und Mensch – diese Binnendifferenzen sind viel ausschlaggebender, als gemachte Unterschiede zwischen Mann & Frau. Inzwischen stellen sogar Naturwissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass dem auch biologisch der Fall ist.

Intersexuellen Kindern werden Verhaltensweisen eines Geschlechts – meistens des weiblichen – dezidiert anerzogen. Diese kommen oftmals damit nicht zurecht. Einordnungen dieser Form führen nämlich gleichzeitig zu Identitätsstörungen, wenn davon abgewichen wird. Und da spielen oftmals noch ganz klassische Klischees eine Rolle. Beispielsweise zu beobachten bei pubertierenden Jugendlichen, die sich als männlich definieren. Wenn diese in der Öffentlichkeit weinen, wird ihnen von ihren befreundeten Mitmenschen der „Schwuchteldiskurs“ aufs Auge gedrückt.

Dies war lediglich eine kurze Einleitung und sollte kurz das „Unbehagen der Geschlechter“skizzieren, in welchem sie sich befinden. Auf Butler’s Theorie werde ich natürlich im weiteren auch noch zu sprechen kommen.

Zuerst eine kurze Skizzierung dessen, was „Queer-Theorie“ im allgemeinen meint.

Dahingehend will ich erstmal über die Geschichte des Begriffes „queer“ reden. Dieser Begriff ist total offen. Er kann jederzeit von den unterschiedlichsten Gruppen zur Selbst- oder Fremdbezeichnung verwendet werden. Durch die radikale Offenheit des Begriffes, können sich auch die unterschiedlichsten Gruppen in der Bewegung einordnen, was das breite Erscheinungsbild der „queeren“ Bewegung ermöglicht. Dieses breite Erscheinungsbild kann auch nur deswegen als solches erkannt werden, weil ständig versucht wird, die Menschen einzuordnen. Und dies auch und vor allem durch Selbstdefinitionen, die wiederum maßgeblich durch die Umwelt erzwungen werden, aber auch umgekehrt. So definieren sich auch „heterosexuelle Sympathisierende queerer Einstellungen“. Und so definiert sich auch die queere Bewegung eben als queer, obwohl sie gegen festgelegte Definitionen kämpft. Und genau deswegen muss der Begriff auch derart offen gestaltet werden. Und genau deswegen kann der Begriff auch nicht „falsch“ verwendet werden. Jede „Spaßbewegung“, die sich queer nennt, darf dies, ohne ernsthafte Kritik aus der queeren Ecke zu bekommen.

Queertheorie nun ist eine Form des Dekonstruktivismus, also des bewussten Aufbaus wie der bewussten Zerstörung eines Gegenstands . Hier meint es die Untersuchung und kritische Betrachtung von biologischem Geschlecht, Geschlechterrollen, sexuellen Orientierungen und den damit verbundenen Identitäten, daraus resultierenden Machtformen und ihrer Normen.

Zu biologischem Geschlecht und den aufoktroyierten – also erzwungenen – Geschlechterrollen, die sich daraus ableiten sollen, habe ich vorhin schon Beispiele angebracht. Aber auch die sexuelle Orientierung kann zu einem gewissen Rollenverhalten führen. Hier seien die Schlagworte „Kampflesbe“, „Tunte“, „Quotenhete“ etc. genannt. Oder auch der unsägliche Vorwurf an Bi-Sexuelle, sie könnten sich nicht „für eine Seite“ entscheiden. Warum auch? Werden Menschen oder Geschlechter geliebt? Gibt es Homosexualität überhaupt, wenn die Differenzen von Frauen untereinander unterschiedlicher sein können als die von einem Mann zu einer Frau? Sollte nicht eigentlich von Frauenliebe, Männerliebe und a-sex-ueller Liebe gesprochen werden, also einer Liebe, die sich nicht an biologischen wie sozialen Geschlechtern orientiert?

Oder auch zum Machtdiskurs: Gibt es die – gemachten – Geschlechtergrenzen lediglich, um Herrschaftsverhältnisse also Hierarchien zwischen ihnen definieren zu können? Muss eine Frau sich die Beine enthaaren, um als solche erkannt zu werden, wenn sie sich freiwillig als solche definiert?

Wie ihr seht, wirft die Queer-Theorie viele Fragen in den Raum, welche ich gerne nachher mit euch weiter beleuchten will. Nur einige seien hier schonmal gestellt, damit ihr wisst, in welche Richtung es gehen soll. Hinterfragt einfach alles, von dem ihr glaubtet, es würde per se so festgelegt sein.

Denn eines der Hauptmerkmale der Queertheorie ist, dass sie davon ausgeht, dass alles, was mit geschlechtlicher und sexueller Identität zu tun hat, nicht gott – bzw. naturgegeben ist, sondern Erscheinung und Produkt eines sozialen und kulturellen Konstruktionsprozesses sind.

Oder um Simone de Beauvoir zu zitieren: „Ein Mensch ist nicht als Frau geboren. Ein Mensch wird zur Frau gemacht.“

Natürlich hat auch die Queertheorie Wandlungen erfahren. Inzwischen beschäftigtsie sich nicht nur mit der Dekonstruktion von Sexualität, sondern auch mit allen anderen Aspekten von Kultur und Kulturen, wobei hier immer ein Bezug zu Geschlechtern und ihren Rollen hergestellt wird. Dort werden vor allen Dingen dadurch bedingte Ausbeutungsverhältnisse kritisiert.

Nun aber erstmal – zum besseren Verständnis, eine kurze Geschichte der Queertheorie. Hier seien nur kurz einige wichtige Namen genannt, um nachher noch mehr Zeit für die Haupttheorien zu haben. Schon um 1900 herum versuchte Magnus Hirschfeld aus einem biologisch-medizinischen Standpunkt heraus, die festgefahrene Zweigeschlechtlichkeit zu widerlegen. Er war ebenso derjenige, der den Begriff Transvestit für das Tragen von Kleidung des „anderen“ Geschlechts prägte. Außerdem gründete er die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland. Allerdings wollte er „Nachsicht“ für Homosexuelle, da er fest davon überzeugt war, dass Homosexualität angeboren sei. Auch Sigmund Freud stellte in seinen Schriften fest, dass Bi-Sexualität die Grundform jeglichen sexuellen Begehrens des Menschen seien und somit alle Menschen jenseits von biologischen Geschlechtern lieben. Dies sieht er auch als Kulturleistung an gegenüber den Trieben, die gegengeschlechtlich orientiert sein sollen. Diese gilt es ja zu unterdrücken. Auch der französische Philosoph Michel Foucault argumentiert in seiner „Geschichte der Sexualität“ gegen zweigeschlechtliches Denken. Dies manifestiert er auch an den Definitionen von Homosexualität und Sexualität sowie ihrer implizierten Differenz, welche lediglich aufgrund sozialer und historischer Grundannahmen entstehen, jedoch nicht auf natürlichen Gegebenheiten beruhen.

Eine weitere wichtige Vertreterin der Queertheorien ist Monique Wittig. Sie stellte als „radikale Lesbe“ fest, dass Lesben keine Frauen sind, da diese Kategorie lediglich in Relation zur Kategorie Mann exisitieren und auch funktionieren würde. Frauen ohne Beziehungen zu Männern hören demnach auf Frauen zu sein. Auch die zunehmende Bedeutung des Individuums und mehr damit einhergehenden Befreiung des Begehrens wird die Abschaffung von Genderkategorien ihrer Ansicht nach notwendig. Dahingehend kritisiert sie auch traditionelle und feministische Denkmodelle über Geschlechterverhältnisse ohne Unterschied. Denn beide beruhen auf dem heterosexuellen Grundgedanken, dass es zwei deutlich voneinander zu trennende Geschlechter gäbe. Diese gemachten Grenzen gilt es allerdings zu überwinden, da sie ja konstruiert sind und eine Heteronormativität propagieren, die einschränkend und destruktiv auf den einzelnen Menschen wirkt.

Judith Butler wiederum griff diese Gedanken auf und erweiterete sie. Demnach sei die Sichtbarmachung der Weiblichkeit auch im Feminismus eine der Heteronormativität entsprungene Idee. Hier stellt sich jedoch die Frage, inwiefern dies für die feministische Bewegung nicht auch notwendig ist. Immerhin werden die Geschlechter nicht wegen ihres Verhaltens ungleich behandelt, sondern wegen ihres biologischen Geschlechts.

Nun möchte ich ein wenig über die Identitäten reden, die von Queertheorien angegriffen werden.

Moderne Queertheorien lassen sich aus den AIDS-Kampagnen der 80er Jahre heraus ableiten. Denn auch lesbischwule Identitäten ließen sich hier nicht mehr aufrecht erhalten, waren doch nicht nur „Schwule“ betroffen, sondern genauso Heterosexuelle, Lesben etc. – einfach alle. Schnell wurde klar, dass hier keine Identitäten angesprochen werden können, wenn AIDS-Kampagnen erfolgreich sein wollen.

Im Zuge von Konstruktivismus-Theorien, die die Gemachtheit von sozialen Rollen feststellten, welche auch von naturwissenschaftlicher und hier maßgeblich neurologischer Seite bestätigt wurden, wurden Identitäten einer immer härteren Kritik unterworfen. Da es kein Wesen von Subjekten gibt – also keine eineindeutigen Menschen – kann es beispielsweise die typische Frau, typische Studierende oder auch typische Eltern, die sich gnadenlos allen Kriterien, die an sie herangetragen werden, zuordnen können, nicht geben.

Das Erleben einer als homogen auftretenden Gruppe der Homosexuellen lässt sich hier nur dadurch erklären, dass andere Faktoren, wie beispielsweise Klassen oder Religionen oder regionale Herkunft identitätsverwirrend, aber auch -erweiternd erfahren werden. Diese werden durch ein gemeinsames Verhalten kompensiert. In einer freiheitlicheren Umgebung, also beispielsweise durch mehr gesellschaftliche Akzeptanz anderer Lebensformen, ist es auch möglich, das ein Individuum sich freier und differenzierter entfalten kann, da es sich nicht mehr in – vermeintlich – einheitlichen Gruppen organisieren muss. Durch die widersprüchlichen Ansichten, Philosophien und Einstellungen, die dadurch innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegung zum Vorschein kamen, destabilisierten sie. Und somit wurde ein neues Konzept gebraucht, dass diese neue Situation klarstellt.

Der vorhin schon erwähnte Michel Foucault lieferte einen weiteren Ansatz zur Kritik an der allgemeinen Identitätspolitik, die als so selbstverständlich angenommen wurde. Indem er eine Historisierung von Geschlecht, Geschlechterrollen und Sexualität betrieb, zeigte er auch auf, dass diese eben konstruiert sind und damit auch die verbundenen Identitäten nicht per se gegeben sind.

Quellen:

http://www.8ung.at/gik_site/dreamweaver/texte_transgender_dekonstruktion.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Queer-Theorie

http://www.querelles-net.de/2002-6/text13.htm

http://www.etuxx.com/diskussionen/foo401.php3

http://www.linksnet.de/artikel.php?id=1004

http://www.linksnet.de/artikel.php?id=1004

http://www.thieme-connect.com/ejournals/html/sexualforschung/doi/10.1055/s-2006-921502

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One Comment leave one →
  1. Juni 8, 2008 1:17 pm

    Sehr gut und interessant, danke!
    Immer noch brauchen wir Vielheiten und Differenz und eine Ablehnung von Kategorisierung.

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